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Die Gefühle im Körper

Juni 2026



Die Inspiration für den Text dieses Monats kommt aus einer Somatic Experiencing Session, welche ich letzte Woche mit einem lieben Freund machen durfte. Es zeigte sich uns ein Thema, welches ich selber sehr gut kenne und bestimmt auch bei vielen von euch ein Glöcklein zum Klingen bringt.


Als wir so in meinem Studio sassen und ich ihn bat, mal seinen Körper wahrzunehmen und zu schauen, was sich ihm zeigt, erzählte er mir von einer Spannung in der Zwerchfellgegend. Die kenne er schon seit vielen Jahren, und besonders in stressigen Zeiten oder Momenten schien sie sich noch zu verstärken. Manchmal war sie sogar so stark, dass er sich richtig Sorgen machte und beim Notfall vorbeigegangen sei. Doch die Ärzte befanden alles als in Ordnung.


Als wir dann in den Prozess eintauchten und diese spezifische Empfindung in seiner Körpermitte erforschten, führte sie uns über verschiedene Bilder, Geschichten und weitere Empfindungen plötzlich zu einer Emotion. Zu Tränen, welche in seine Augen traten. Und zu Scham, die damit ebenfalls hochkam. Ich lud ihn ein, dieser Regung in ihm etwas Raum zu geben. Und er war selbst überrascht zu bemerken, dass die Spannung im Zwerchfell etwas nachgelassen hatte. «Die Anspannung hat sich nun etwas zur Seite verschoben. Als ob das Gefühl den Weg geebnet hat.» Er war für einen Moment richtig erstaunt, ja fast erschrocken, diese Worte aus seinem eigenen Mund zu hören. «Die Emotion ebnet den Weg.» Es schien, als hätte er selbst soeben den Zusammenhang seiner unterdrückten Gefühle und der Anspannung in seinem Körper erkannt. Und zwar nicht im Kopf, sondern im gefühlten Erleben.


Dieses Beispiel erinnerte mich an meine eigene Geschichte im Umgang mit Emotionen. Ich wuchs in einer sehr «harmonischen» Familie auf, in der es selten Streit gab und in der ich meine Eltern praktisch nie weinen sah. Ich erinnere mich, dass ich mich als etwas älteres Kind immer in meinem Zimmer versteckte, um zu weinen. Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn meine Eltern es mitbekommen hätten. Später als Teenie weinte ich praktisch nie. Nicht einmal, als mir meine erste grosse Liebe das Herz brach. Lieber erstickte ich die Tränen im Rauch unzähliger Joints. Irgendetwas in mir traute sich nicht zu weinen. Wenn ich weinen würde, hiesse das ja, dass es WIRKLICH schlimm ist, und solange ich ja nicht weine, ist doch alles «gut».


Als ich 18 war, starb mein Gotti. Während all meine Verwandten weinten, kam bei mir praktisch keine Träne hervor. Ich hatte sie sehr gern gehabt, doch ich fühlte nichts. Das fand ich dann doch seltsam. Selbst Ende Zwanzig noch, nach dem Erlebnis mit meinem psychotischen Partner, von welchem ich euch letzten Monat erzählt habe, blieben die Tränen aus. Die Liebe meines Lebens war schwer krank, und ich musste ihn zurücklassen und vermutlich nie wiedersehen. But no real felt grief. Zu der Zeit war ich immerhin schon an einem Punkt, an dem ich wusste, dass ich weinen sollte, um das Erlebnis zu verarbeiten, um loszulassen. Und obwohl ich es immer wieder versuchte, merkte ich, dass meine Gefühle total abgespalten waren. I could not touch them. Selbst wenn ich wollte.


In den Jahren nach diesem Ereignis fühlte ich mich oft taub. Ich verspürte selten mehr die euphorische Freude, welche ich früher erlebte. Ich fühlte mich irgendwie neutral, aber auch immer wieder schwer und leer. Ich fühlte mich oft träge, energielos, antriebslos. Ich fühlte nicht viel, egal was passierte. Und ich wusste, that’s not normal. Es war, als wäre meine Lebendigkeit und Leichtigkeit in einen Sack gepackt, mit schweren Steinen beladen und in einen See geworfen worden. Erst jetzt verstehe ich, dass ich in diesem subtilen Freeze-Zustand, einer sanften Dissoziation, einem grau-weissen schweren Nebel gefangen war. Mir ging es nicht wirklich schlecht, but I knew something is still off.


Erst in den letzten Jahren und besonders in den letzten Monaten schien sich da etwas zu transformieren. Besonders seit ich regelmässig zu Somatic Experiencing Sessions gehe, scheinen sich meine Flutschleusen immer mehr zu öffnen. Als ob allmählich Stein für Stein aus dem Sack genommen werden würde und die Gefühle, welche nun so lange am Grund des Sees gefangen lagen, zur Oberfläche aufsteigen dürfen. Vor zwei Wochen konnte ich nun endlich gefühlt zum ersten Mal den richtig tiefen Schmerz über den Verlust des besagten Partners fühlen. Und richtig aus tiefstem Herzen weinen. Nach zehn Jahren! Das war richtig kraftvoll für mich.


Und das war wohl auch möglich, weil ich es mir endlich erlaubte. Weil sich meine Einstellung zu den unangenehmen Gefühlen wie Traurigkeit oder Wut massiv verändert hat. Heute empfinde ich wirklich absolut keine Scham mehr und weine auch in der Öffentlichkeit, wenn es gerade sein muss. Just no more holding back! Und da möchte ich auch noch Cacao danken, die in den letzten zehn Jahren eine treue Begleiterin war und mir auch sehr geholfen hat, diese alten Tränen zu befreien. Deswegen bin ich jedes Mal so dankbar, wenn die Tränen strömen können, und denke mir nur: «finally!!»


Wir leben in der Schweiz in einer sehr emotionsfeindlichen Gesellschaft, in der der Ausdruck aller Emotionen, besonders aber von Traurigkeit, Wut, aber auch von überfliessender Freude nicht zum guten Ton gehört. Eine gemässigte Suppe im mittleren Gefühlsspektrum is what we want here. Möglichst ohne grosse Ausbrüche nach oben und unten. But you see where that leads us.


Dass unser Körper unterdrückte Emotionen speichert, ist nicht nur Wuwu. Es ist auch wissenschaftlich belegt, dass Tränen z.B. Stresshormone enthalten, welche durch das Weinen aus dem Körper transportiert werden. Wenn wir nicht weinen, bleibt das Cortisol im Körper und kann zu allen möglichen Symptomen führen. Wir alle haben es wohl schon erlebt, wie Stress oder emotionale Herausforderungen unseren Körper belasten. Für viele in unserer Gesellschaft ist das ein chronischer Zustand. Und wenn wir solche Zustände nachhaltig auflösen wollen, kommen wir an den unterdrückten Gefühlen nicht vorbei. Und ja, es braucht etwas Mut, sich ihnen zu stellen. Aber believe me – es lohnt sich. Es sind lediglich E-motions – Energy in Motion, Energie, die in Bewegung kommt.


Und das ist gut.

Sonst geht es nicht voran.

Sonst LEBEN wir nicht wirklich.

 


Alles Liebe,

Vanessa


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