A personal story of trauma
- Vanessa

- 2. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Mai 2026

Nachträgliche Beltane Blessings für euch alle. May the energy of this season inspire you to renew and expand – your projects, your ideas, your thoughts, your heart, your soul.
Und damit wir in die Erneuerung und Ausdehnung gehen können, braucht es manchmal auch nochmals eine Begegnung mit dem, was uns in der Kontraktion gefangen hält. Und genau dorthin, zu diesen eher dunklen Momenten meiner Biografie, bin ich in den letzten Wochen in Begleitung meiner Therapeutinnen nochmals hingereist. Deshalb möchte ich auch hier davon erzählen. Für meine eigene weitere Verarbeitung und damit auch ihr etwas mehr über meine Hinter- und Beweggründe erfährt.
Wie ich ja bereits erzählt habe, habe ich im letzten September die Weiterbildung in Somatic Experiencing – einer körperbasierten Traumatherapie – angefangen. Auch in meinem Text vom letzten Monat habe ich euch erzählt, dass mich die ganze Traumathematik seit vielen Jahren unglaublich interessiert. Zum einen wohl, weil ich einen tiefen Wunsch habe, Heilung in diese Welt zu bringen. Und auf meinem Weg, selbst Heilung für meine Leiden zu finden sowie mich selbst und uns als menschliche Wesen besser verstehen zu lernen, wurde mir klar, wie komplexe Geschöpfe wir doch sind. Und wie wir eben geprägt sind von unseren Erfahrungen. Sei es in der Kindheit oder auch danach. Besonders die Dinge, mit denen wir immer wieder strugglen, haben ja oft auch eine Verbindung in die Vergangenheit und zeigen uns auf, wo wir vielleicht Wunden haben, die noch nicht ganz verheilt sind – sprich Trauma. Es scheint also, dass Traumarbeit ganz tief unten ansetzt, uns hilft, uns selbst besser zu verstehen, und auch nachhaltige Transformation herbeizuführen.
Und zum anderen hat es auch einen sehr persönlichen Grund, wieso mir das Thema so am Herzen liegt. Denn der Mann, von dem ich dachte, er sei die Liebe meines Lebens, ist ca. ein Jahr, nachdem wir zusammengekommen sind, an einer schweren Psychose erkrankt. Eine Erfahrung, die mich nachhaltig geprägt hat.
Damals hatte ich noch überhaupt keine Ahnung von psychischen Krankheiten oder Trauma.
Ich war 28 und hatte gerade erst angefangen, mich etwas tiefer mit Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen. Obwohl Heilung und Esoterik – vor allem durch meine Mama und Grossmama – immer schon ein Teil meines Lebens waren, kam kurz bevor ich ihn kennenlernte, eine Sehnsucht in mir auf. Eine Sehnsucht, das Leben in seiner Tiefe zu erleben. Der Spiritualität mehr Raum in meinem Leben einzuräumen. Eine Sehnsucht nach Wissen und lehrreichen Erfahrungen. Ich wollte wachsen und mich weiterentwickeln. Meine Berufung finden. Und ja – be careful what you ask for. Denn das hat mir das Universum gegeben – jedoch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Wir haben uns an einem Techno-Festival kennengelernt. Es war praktisch Liebe auf den ersten Blick. Eine augenblickliche Verbundenheit, ein Gefühl von „wir kennen uns doch“. So etwas hatte ich vorher noch nie bei einem Mann gespürt. Da er gerade als Traveller etwas Zeit in Berlin verbrachte (er war Amerikaner), flog er zwei Wochen nach dem Festival zu mir nach Zürich, wo wir nach einem gemeinsamen Monat entschieden, zusammen auf eine längere Reise nach Zentralamerika aufzubrechen. Was wir dann auch taten. Fünf Monate lang bereisten wir Panama, Costa Rica, Nicaragua und Guatemala. Eine Reise, die mich und meinen Weg prägte wie keine andere. Sie war eine Initiation auf vielen Ebenen. Und eine Herausforderung – nicht zuletzt wegen seiner Bipolarität, die sich natürlich stark auf unsere Beziehung und somit auch auf mich auswirkte, von der ich aber damals noch nichts wusste.
Als seine Psychose dann ausbrach, waren wir gerade in Nordkalifornien auf einer Hanffarm am Arbeiten. Es ging alles ziemlich schnell. Es begann damit, dass er ein paar Nächte davor nicht mehr schlafen konnte. Die ganze Nacht alleine aufblieb und schrieb – Gedichte und Raps, die nicht viel Sinn ergaben. Eines Abends stand er nackt vor uns in der Küche. Was anfangs noch harmlos und irgendwie silly wirkte, wurde bald darauf einfach nur noch weird. Es war klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Sein Ausdruck war anders, seine Augen, seine Stimme, seine Energie. Seine Worte und Taten wurden bald übernommen von abstrusen Wahnvorstellungen. Einmal war er Jay-Z, dann im nächsten Moment „the Yellow Emperor“, dann Erleuchteter, dann ein kleiner eingeschüchterter Junge. Verschiedene Stimmen, die durch ihn sprachen. Als ob er von verschiedenen Spirits, Entitäten oder Dämonen besessen wäre. Es war kurz nach Halloween. Und wie in einem schlechten Horrorfilm fand ich mich also mit dem Mann, den ich liebte – der aber gerade sehr offensichtlich seinen Verstand verlor – in einer kleinen Holzhütte irgendwo tief in den Redwoods. No plan what was happening, no way to escape, no one around to ask for help.
Aber ich hätte wohl auch nicht nach Hilfe gefragt, wenn sie da gewesen wäre. Denn er zog mich total mit hinein in seinen Wahn, in seine paranoide Gedankenwelt. Ich war in einem totalen Schock, Freeze bzw. in einer Dissoziation, in der auch ich gefühlt keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Denn er liess mich auch kaum mehr schlafen, redete permanent auf mich ein. Einmal wollte er, dass ich unter der kalten Dusche stehen bleibe und ihm so meine Liebe beweise. Er beleidigte mich, meine Familie, meine Freunde. Alle, die ihm eben so einfielen. Er isolierte mich von den anderen Workers und versuchte mir einzureden, dass sie seine Gedanken kontrollieren und uns auseinanderbringen wollten. I was scared. Er war zwar nicht gewalttätig, aber trotzdem verbal und energetisch aggressiv und unvorhersehbar. Augen weit aufgerissen, das Nervensystem auf Hochspannung.
Es dauerte natürlich nicht lange, bis auch die Farmbesitzer merkten, dass mit ihm etwas nicht stimmte, und sie uns baten zu gehen. Sie fuhren uns beide mit dem Auto den Wald hinunter und setzten uns im nächsten Städtchen ab. Die Mission war nun, ihn nach Hause zu seiner Family nach Portland zu bringen. Fliegen kam nicht infrage, da die Flughafensicherheit ihn bestimmt irgendwie festgenommen hätte, weil er immer mal wieder herumschrie. Also blieb nur, ein Auto zu mieten. Ich weiss noch, als ich gerade dabei war, in der Autovermietung den Vertrag zu unterschreiben, kam er herein und fing an, „you are all fucking racists“ herumzuschreien. Es war mir so peinlich. But that’s what I had to deal with now. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich diese 12-stündige Fahrt entlang der Westküste von Kalifornien nach Oregon überstanden habe. Ich fuhr die ganze Nacht durch. Mit diesem Wahnsinnigen auf meinem Beifahrersitz.
Das waren wohl die intensivsten drei Tage meines Lebens. Gerne erspare ich euch die Details der schlimmsten Momente. Ich war komplett überfordert mit der Situation, und es dauerte einige Zeit, bis ich selbst wieder aus dem Schock herauskam. Ich war in einem fremden Land, bei einer Familie, die ich noch nicht wirklich kannte. Niemand, dem ich mich anvertrauen konnte. Niemand, bei dem ich mich sicher fühlen konnte. Erst als wir dann bei seiner Familie ankamen, erklärte mir seine Mutter, dass er eine Psychose habe. Immer noch erwartete ich, dass dieser Anfall nun bald vorüber sei und er wieder er selbst werde. Doch irgendwann musste ich einsehen, dass das so schnell nicht passieren würde. Und dass es nichts gab, was ich für ihn tun konnte. Zwei Monate blieb ich noch dort, in der Hoffnung, dass sich etwas verändert. Doch irgendwann musste ich mich selbst schützen und gehen. Auch wenn er immer mal wieder sanfte Momente hatte, in denen er ein bisschen zu sich zu kommen schien, war er grösstenteils immer noch sehr erregt, aggressiv, beleidigend und verletzend. Es hat mehrere Monate, wenn nicht Jahre gedauert, mich wieder zusammenzusetzen. Denn ich fühlte mich total zerfetzt, mein Selbstwert am Boden, mein Herz gebrochen. Sein Trauma wurde zu meinem Trauma.
Natürlich wollte ich dann anfangen zu verstehen, was da nun passiert war. Wie kann es sein, dass ein solch liebevoller, fröhlicher, kreativer und intelligenter Mensch über Nacht zu einem Monster wurde? Hatte es mit dem Gras zu tun? Mit dem Ort und der Situation? Mit seinen Genen oder seiner Hirnchemie? Oder mit seiner Kindheit, seiner Familie und alten Wunden?
Vermutlich eine Mischung aus allem. Doch dass viel Trauma in seiner Familie war, wurde während meiner Zeit dort ziemlich offensichtlich, obwohl sie sehr liebe Menschen waren, die ihr Bestes gaben. Die Grossmutter war Alkoholikerin, seine Mama und ihre Geschwister wurden vom Stiefvater sexuell missbraucht. Die Mutter selbst hatte eine multiple Persönlichkeitsstörung. Er selbst mixed-race, den Vater, der offenbar auch Drogenprobleme hatte, nie kennengelernt. Sich immer etwas zwischen den Welten gefühlt. Sehr sensibel und feinfühlig. Was er sonst noch alles in seiner Kindheit erlebt hat, weiss ich nicht. Vielleicht auch Dinge, an die er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.
Ich persönlich glaube nicht, dass solche Erkrankungen mit irgendetwas anderem als Trauma zu tun haben. Mit seelischen Wunden. Irgendwie hatte die ganze Geschichte in meinen Augen auch eine sehr spirituelle Komponente. Für einen Moment kam es mir vor, als würde sein Wesen nun die Seite in ihm ausleben wollen, die er unterdrückte, in sich selbst ablehnte – den Schatten. Als müsste alles Dunkle und Böse, aller Schmerz und Frust, die Wut und Verzweiflung, die tief in ihm gefangen waren, ausbrechen wie ein Vulkan. Und wenn das alles einmal herausgeschrien wäre, würde er eins werden. Die Schatten- und die Lichtseite zusammenführen können. Heilen.
Doch so funktioniert das leider nicht. Zumindest in unserer Gesellschaft. In meiner Recherche damals stiess ich immer wieder auf Texte, die beschrieben, wie in indigenen Stämmen Menschen mit solchen Symptomen vom Schamanen unter die Fittiche genommen wurden, der ihnen beibrachte, die Gabe des offenen Kanals für die Gemeinschaft zu nutzen. Ja, oftmals waren diese Menschen die Schamanen der nächsten Generation.
Bestimmt haben einige von euch auch schon solche Geschichten erlebt. Obwohl schmerzhaft, durfte ich auch sehr viel aus dieser Erfahrung lernen. Nicht zuletzt hat sie mich dorthin gebracht, wo ich heute bin.
Eine solch ernsthafte Ausprägung einer psychischen Krankheit bleibt den meisten von uns normal Geschädigten hoffentlich erspart. Doch auch mit weniger heftigen Biografien erleben viele von uns Depressionen, Angstzustände, Panikattacken, Burnouts, stressbedingte körperliche Symptome, Schwierigkeiten mit Bindung und in Beziehungen usw. Deswegen freue ich mich sehr, mit Somatic Experiencing eine Methode gefunden zu haben, die dort an der Wurzel ansetzen kann – im Nervensystem.
Alles Liebe,
Vanessa
Was sind deine Gedanken dazu? Magst du deine Erfahrungen, Gedanken oder Kommentare zu diesem Thema mit mir teilen? Sende mir eine Mail oder kommentiere diesen Blogbeitrag (Du musst dich via Button oben rechts "Anmelden/Registrieren" um Kommentare schreiben zu können.)
I would LOVE to hear!




Kommentare