Steckt mÄNNLICHKEIT IN DER KRISE?
- Vanessa

- vor 12 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
APRIL 2026

Statt mich mit Leichtigkeit auf den hoffentlich bald wiedererwachenden Frühling zu freuen, kreisten in den letzten Wochen doch eher schwere Themen in meinem Kosmos umher.
Neben den Kriegen im Nahen Osten scheint auch der Kampf der Geschlechter wieder am Aufflammen zu sein. Vielleicht ist es nur mein Algorithmus, aber die jüngsten Ereignisse haben erneut eine Debatte um den Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen angestossen. Kein Wunder nach der ganzen Epstein-Story und jetzt mit dem Skandal um Christian Ulmen und Collien Fernandes. Da frage ich mich schon: „WTF is wrong with these guys?!“
Es scheint, dass in den letzten Monaten und Jahren vermehrt Geschichten an die Oberfläche kamen, die eine unglaublich dunkle Seite der männlichen Psyche zeichnen und sichtbar werden lassen. Man erinnere sich an den Fall von Gisèle Pelicot und ähnlich unbegreifliche Taten von Männern gegenüber Frauen und Kindern.
Mich als Frau trifft vor allem die sexualisierte Gewalt, welche auch bei den erwähnten Vorkommnissen im Vordergrund stand. Doch um Sex geht es wohl nicht wirklich. Es geht um Macht, um Kontrolle, um den verzweifelten Versuch, Dominanz zurückzuerobern. Denn wir leben in einer Zeit des extremen Umbruchs, was Geschlechterrollen und -identität betrifft. Nach Tausenden von Jahren patriarchaler Strukturen kämpfen Frauen seit nun fünfzig Jahren aktiv für einen Wandel – zurecht und mit Erfolg. Doch was dieser Prozess mit Männern macht, kommt nun erst langsam an die Oberfläche. Untersuchungen zeigen, dass junge Männer so orientierungslos in Bezug auf sich selbst und die Welt sind wie nie zuvor. Was bedeutet es heutzutage, ein Mann zu sein? Wo sollen sie sich einordnen? Bei der traditionellen Männlichkeit, welche allgemein bekannte problematische Aspekte für alle Geschlechter hat und von vielen jungen Frauen nicht mehr akzeptiert und sogar als toxisch bezeichnet wird? Oder auf der anderen Seite des Spektrums, die aber noch nicht wirklich definiert zu sein scheint und vielleicht mehr unbequeme Arbeit an sich selbst bedeutet? Wo frühere Generationen immerhin ein klares Männerbild und eine klare Gesellschaftsordnung hatten, an der sie sich orientieren konnten (auch wenn es schwierig war, wenn man diesem nicht entsprach), finden sich Heranwachsende heute in einer Welt wieder, in der sie nicht mehr wissen, was für ein Mann sie sein sollen.
Gestern habe ich einen Podcast zum Thema Männlichkeit gehört, in dem ein Psychologe, der sich darauf spezialisiert hat, sagt, dass offenbar 40 % der jungen Männer denken, dass sich niemals eine Frau in sie verlieben wird. 40 % der jungen Männer denken also, dass sie nicht gut genug, nicht begehrenswert, nicht liebenswert sind. That’s really tragic! Es stimmt – Frauen und Mädchen haben wohl so hohe Ansprüche an Männer wie nie zuvor. Wo Frauen sich früher untergeordnet haben, um heiraten zu können, scheint es, dass nun Männer diejenigen sind, die sich mehr Mühe geben müssen, wenn sie eine Partnerschaft oder schon nur Sex wollen. Die ganze Incel-Thematik (involuntary celibates) konfrontiert Jungs mit der offenbar grossen und traurigen Wahrscheinlichkeit, dass sie vielleicht nie eine Frau abbekommen werden.
Laute, männerkritische Debatten und die kollektive Empörung über die oben genannten Ereignisse verankern zusätzlich den Glaubenssatz „Männer sind Täter!“. „Not all men but always men“. Berechtigt? Absolut! Hilfreich? Not sure. Ich glaube, es ist nicht zu unterschätzen, was diese kollektive Verurteilung bewirkt. Befeuert werden (unbewusste) Scham und Angst vor der eigenen Aggression, vor der eigenen potenziellen Täterschaft, welche die Gesellschaft ihnen gerade tagtäglich unterstellt.
Dass Frauen sie nicht mehr „brauchen“ und sie bereits in der Schule mit ihren Leistungen abgehängt werden, macht zweifellos etwas mit der männlichen Psyche. Gleichzeitig werden sie in den sozialen Medien von Figuren wie Andrew Tate und Konsorten berieselt, welche aus derselben Unsicherheit heraus zutiefst frauen- und menschenverachtende Inhalte verbreiten. Doch immerhin bekommen sie hier Klarheit darüber, wie ein Mann zu sein hat – nämlich reich, dominant und emotionslos. Vielleicht scheint das die einfachere Seite. Eine Seite, die sagt, dass die anderen schuld sind an deiner gefühlten Unzulänglichkeit. Dass die Frauen schuld sind, dass du dich wert- und nutzlos fühlst. Dass Macht und Dominanz über Frauen also der einzige Weg aus dieser vermeintlichen „woken“ Verschwörung gegen die Männlichkeit ist.
Vielleicht habt ihr auch schon die Doku „Inside the Manosphere“ gesehen, welche kürzlich auf Netflix erschienen ist. Porträtiert werden einige Männer, die sich als Influencer und Podcaster/YouTuber mit ihren provokant konstruierten ultra-männlichen Egos inszenieren. Money, Jetset-Life, Frauen im Pornostar-Look – das ist das Versprechen, das sie jungen Männern geben, wenn man sich nicht unterkriegen lässt von den Eliten und den Feministinnen, die einen kleinhalten und verweichlichen wollen. Was ich hinter den harten Muskeln und teuren Anzügen wahrnehme, sind jedoch zutiefst verletzte und wütende kleine Jungen. Viele selbst Opfer von Gewalt in der Kindheit. Viele vielleicht auch zutiefst verletzt von Frauen. Aber weil sie nie gelernt haben, ihren Schmerz zu fühlen und zu verarbeiten, schiessen sie damit nun auf andere. Und das ist das Toxische an der alten Definition von Männlichkeit: Du darfst nicht fühlen, du darfst keine Gefühle zeigen, du darfst nicht versagen, du darfst nicht schwach sein. But that’s not human! And then you see where it takes us – in die tiefsten und dunkelsten Abgründe. Und die Opfer sind nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch die Männer selbst.
Steckt die Männlichkeit in einer Krise? Brauchen wir neue Heldenfiguren, neue Vorbilder, die eine moderne Männlichkeit verkörpern – mit Reflektiertheit, Empathie und Verantwortung?
Kulturell ist das Thema gerade in aller Munde. Serien wie „Adolescence“ und Bücher wie „Alpha Boys“ bringen das Thema auf unbequeme, aber auch humorvolle Weise auf den Tisch. And that’s good. So wie wir Frauen uns von den Zwängen alter, destruktiver Weiblichkeitsdefinitionen lösen konnten, ist es nun an der Zeit, dass auch Männer sich damit auseinandersetzen und sich und ihr Verhalten kritisch hinterfragen – so wie wir das ohnehin alle tun sollten ;)
Ich hoffe, so können wir den Graben zwischen den Geschlechtern etwas zuschütten und einander wieder näherkommen – mit Verständnis, Achtsamkeit und Mitgefühl.
Alles Liebe,
Vanessa
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