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WUNDEN DER KINDHEIT

1. Sept.
6 Min. Lesezeit

SEPTEMBER 2026



Seid ihr auch alle wieder am Landen? Ich mag diese Spätsommerzeit, in der alle langsam wieder aus den Ferien zurück sind, in der sich alle wieder etwas einfinden in ihrem Alltag. Als ob sich die quirlige und dynamische Energie des Sommers, in dem wir alle viel unterwegs und viel am Unternehmen sind, wieder etwas legt. Das fühlt sich gut an.

 

In den letzten Monaten habe ich viel über meine Kindheit nachgedacht. Das tat ich natürlich auch schon all die Jahre davor, denn wer sich mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzt, weiss, dass ein sehr grosser Anteil unserer Muster, Denk- und Verhaltensweisen aus unserer Kindheit stammen. Wer sich also auch spirituell weiterentwickeln möchte, der kommt an der Konfrontation mit der eigenen Kindheit nicht vorbei. Doch durch meine Somatic Experiencing (SE) Sessions, welche ich selber im Rahmen meiner Ausbildung nehmen muss, kommt die Tragweite dessen für mich erst so richtig zum Vorschein.

 

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Das dachte ich immer und würde ich auch heute noch so unterschreiben. Ich wuchs behütet in einem kleinen Bergdorf im Wallis auf. Meine Familie war im Dorf gut verwurzelt, da mein Papa dort aufgewachsen war. Meine Eltern waren sehr lieb und wohlwollend, selten streng, stets grosszügig und unterstützend. Es gab praktisch nie Streit zwischen ihnen und auch mit uns waren sie nie bedrohlich. Wir hatten ein schönes Haus in einer Nachbarschaft mit vielen anderen Familien. Meinem Bruder und mir hat es zumindest auf den ersten Blick an nichts gefehlt. Seems everything was perfect, right?

 

Das Ding ist, meine Eltern hatten nicht einen normalen Berufsalltag, bei dem Papa von Montag bis Freitag arbeitete und Mama zu Hause für die Kinder da war, wie es in meinem Dorf in den späten 80ern noch üblich war. Meine Eltern besassen und führten gemeinsam ein Hotel mit 20+ Mitarbeitenden. Das bedeutete, dass sie als Chefs und Gastgeber ständig vor Ort sein mussten - vom Frühstück bis die letzten Gäste abends zu Bett gingen. Sieben Tage die Woche. Weil das vor allem in der Hauptsaison im Winter kaum Raum für Kinderbetreuung liess, passte schon, seit wir sehr klein waren, meine Grossmutter den ganzen Winter lang auf uns auf. Sie blieb mit uns Kindern in unserem Haus im Dorf, während meine Eltern im Hotel auf dem Berg wohnten. Ich liebe meine Grossmutter über alles und ich habe mich bei ihr immer wohlgefühlt. Sie war ja wie eine zweite Mutter. Lange hinterfragte ich das nicht.

 

Und dann sitze ich nun mit Ende dreissig in diesen SE-Sessions und alle Themen, die ich aus meinem Erwachsenenleben mitbringe, führen immer wieder zum gleichen Punkt: dem kleinen Mädchen, das sich nicht gesehen, nicht geborgen, nicht priorisiert, nicht wichtig, verlassen, ängstlich und schlichtweg ganz alleine auf dieser Welt fühlt. Ja, wie war das wohl für mein kleines Ich, immer wieder für so lange Zeit von meinen Eltern getrennt zu sein? Nie wissend, ob und wann sie wieder kommen und wann sie wieder gehen würden? Und dass sie ja wohl nicht wichtig oder liebenswert genug war, wenn Mama und Papa lieber wieder weggingen.

 

Und wie ich heulend im Therapieraum sitze, fühle ich zum ersten Mal ihren Schmerz. Denn davon hat sie sich aus Selbstschutz und wegen lack of better options schon ziemlich früh abgespalten. Ich fühle förmlich, wie sie resignierte, zumachte, ein Stück weit dissoziierte. Meine Eltern sind nicht da, deshalb muss ich halt alleine zurechtkommen.

 

Im letzten Modul der Somatic Experiencing Ausbildung ging es dann tatsächlich um das Thema Bindungstrauma, welches wohl die am meisten verbreitete Form von Trauma ist. Ich weiss, "Trauma" klingt immer so dramatisch, doch Trauma heisst lediglich "Wunde". Ich sehe Trauma als Spektrum - manche haben tiefe Wunden, welche schlecht verheilen, andere nur einen kleinen Kratzer. Doch ganz verschont davon bleibt wohl niemand wirklich.

 

Im Netz habe ich folgende Definition gefunden:

 

"Ein Bindungstrauma ist die bis heute wirksame Anpassung an frühe Beziehungserfahrungen, in denen Nähe zu primären Bezugspersonen unzuverlässig, überfordernd oder an Bedingungen geknüpft war. Anders als ein Schocktrauma (einzelnes, klar abgrenzbares Ereignis) entsteht es nicht durch einen einmaligen Vorfall, sondern durch wiederholte, chronische emotionale Erfahrungen in der frühen Kindheit, die das Nervensystem nachhaltig prägen."

 

Wenn ein Kind also kein sicheres, beständiges und nährendes Umfeld und/oder Bindungspersonen hat, welche physisch und emotional präsent sind und das Kind immer wieder lesen, regulieren und auf seine Bedürfnisse eingehen können, kann sich kein gesundes und resilientes Nervensystem ausbilden. Denn als Babys und Kleinkinder können wir uns noch nicht selbst regulieren. Der präfrontale Kortex, die Hirnregion, die für Impulskontrolle und Emotionsregulation zentral ist, ist erst Mitte 20 vollständig ausgereift. Wir brauchen als Kinder also die Erwachsenen, die uns helfen, uns zu beruhigen, wenn wir aufgebracht sind. Das nennt man Co-Regulation. Deshalb nehmen wir ein schreiendes Kind instinktiv auf den Arm, sprechen mit ruhiger und besänftigender Stimme, wiegen es hin und her. All das lässt das Kind spüren und sensorisch erfahren: ok, ich bin safe - da ist jemand, der sich um mich kümmert - ich werde überleben. Doch nicht alle Kinder erfahren diese Co-Regulation und Nähe zuverlässig oder oft genug. Das kann dazu führen, dass das noch junge Nervensystem in einem Zustand von grosser (Überlebens-)Angst hängen bleibt und so eben implizit lernt: ich bin nicht sicher, Bindung ist nicht zuverlässig oder sogar bedrohlich. Auch wenn das Kind nicht wirklich gefährdet ist, kann es das rational noch nicht einordnen und es zählen nur seine gefühlten und erlebten Erfahrungen. Und das schlägt sich im Nervensystem nieder.

 

Als Erwachsene zeigt sich dieses Programm dann z. B. als ängstlicher, vermeidender oder desorganisierter Bindungsstil (= Schwierigkeiten, gesunde romantische Beziehungen zu führen), tiefsitzende Selbstzweifel, starke Abhängigkeit von Bestätigung von aussen oder emotionale Isolation, Sehnsucht nach Nähe bei gleichzeitigem unbewusstem Distanzschaffen, Selbstaufgabe in Konflikten, Einsamkeitsgefühle, starke Verlustängste, Perfektionsstreben, diverse Süchte als Bewältigungsstrategie und so weiter und so fort.

 

Und ja, da muss ich sagen, erkenne ich mich doch in einigen Punkten wieder. Wie gesagt, gibt es auch hier wieder unterschiedlich starke Ausprägungen und ein Mensch, der als Kind Gewalt oder Missbrauch erfahren hat, kann wohl nicht mit einem Fall wie meinem verglichen werden. Und ich teile meine Geschichte auch nicht, weil ich finde, dass sie so schlimm ist - im Gegenteil. Ich sagte meiner Therapeutin neulich, dass ich mir blöd vorkomme, hier rumzuheulen, wo ich weiss, dass so viele Menschen es WIRKLICH schlimm hatten.

 

Doch genau für diese subtilen Formen von Trauma gibt es meiner Ansicht nach noch nicht so viel Bewusstsein in der Gesellschaft. Denn die Leiden, welche Menschen mit Bindungswunden haben, sind nicht so offensichtlich, doch sie reichen trotzdem tief. Denn die grosse Herausforderung liegt für diese Menschen beim essentiellsten im Leben überhaupt - die Beziehungen zu anderen Menschen, besonders jene zu romantischen Partnern.

 

Die meisten meiner romantischen Beziehungen waren absoluter Stress für mich. Ständige Verlustangst, ständige Unsicherheit, starke emotionale Abhängigkeit, Selbstaufgabe. Mein Körper reagierte in rational betrachtet völlig harmlosen Situationen, als herrsche gerade Lebensgefahr. Nur ein kleines Anzeichen von Rückzug oder Desinteresse seinerseits interpretierte mein System als das Ende von allem. Mein Hals schnürte sich zu, mein Magen verknotete sich, mein Herz blieb gefühlt stehen. Es war mir selbst ein Rätsel, warum ich so reagierte, doch ich konnte es nicht ändern und wusste noch nicht, wie ich mich aus diesem Freeze-Zustand selbst regulieren, sprich wieder in eine Entspannung kommen konnte.

 

Ich habe viele Jahre gebraucht, um bei der Einsicht anzukommen, dass meine Unsicherheit in Beziehungen keine Charakterschwäche ist, sondern vermutlich eben auch mit dem Imprint früher Bindungserfahrungen zu tun hat. Einer Wunde, an der ich nun arbeiten kann. Und zwar nicht nur auf mentaler Ebene, sondern dort, wo der Schaden entstanden war und immer noch spürbar ist - im gefühlten Erleben, im Nervensystem.

 

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Wie geht es dir beim Lesen dieses Texts? Welche Gedanken kommen auf? Kennst du das auch?Ich freue mich immer, eure Rückmeldungen zu lesen. :)

 

PS: SE ist wohl eine der wirksamsten Therapien für Bindungstrauma, weil es besonders mit Co-Regulation und Verbindung arbeitet, welche uns als Kinder gefehlt hat. Mit SE-Interventionen können wir gezielt "nachnähren", was vernachlässigt wurde und wieder Sicherheit und Resilienz in unserem System verankern.

 

Falls du auch Bindungsthemen hast, an denen du gerne arbeiten würdest, freue ich mich, dich mit dieser tollen und sanften Methode begleiten zu dürfen.

                                                                                                                                                                                                                                   

Much Love und bis bald,

Alles Liebe,

Vanessa


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